Sverigeleden 24 – Die großen Fragen 

Können Möwen riechen und Enten? Wie finden sie den verdichteten Geruch von Schlick und Algen? Warum riecht der Kram morgens, aber in der Nacht war nichts davon zu erahnen? Sind es Lachmöwen oder lachen die Möwen über Menschen, weil die morgens aufwachen und riechen und sie wissen, dass ihnen das nicht gefällt? 

Warum starren die Menschen in der Fähre stundenlang auf das Wasser? Wie viele von ihnen tun das, nur weil die Plätze vorne am Fenster die begehrtesten sind? Warum sind sie am begehrtesten? 

Warum sieht man sofort, dass man in Ostdeutschland ist so vong mensch her? Warum sieht man immernoch, dass man in Ostdeutschland ist so vong mensch her? Warum werden Menschen an Bahnhöfen furchtbar nervös und belästigen damit andere, die dann auch nervös werden und damit andere belästigen usf.? Bin ich? 

Welchen Wert hat Zeit? Und warum ist das so unterschiedlich? Werde ich eine post-sabbaticale Depression bekommen? Wie wird das erste Bier schmecken? Mit wem werde ich es trinken? Mit welchem Spruch wird Späti-Erçan mir beweisen, dass sich nichts verändert hat? 

Werde ich wirklich um 19:30 Uhr in der Blumenthalstraße sein? Wer hat dann Zeit oder morgen Abend Zeit? Wird die Person/ werden die Personen sich melden?  

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Sverigeleden 23 – City Life

Wenn ich eines kennengelernt habe während der letzten Wochen, dann sicherlich die Vielfalt des ÖPNV in Schweden. Und nach vielen Stationen kommen wir endlich in Stockholm an, der ersten Stadt seit Berlin, seit fast sechs Wochen, die ich als groß bezeichnen würde. Die Wirkung überrascht mich einigermaßen. Der Geruch der großen stahltragenden Adern, die Vilefalt, die Menschen und Fahrzeuge, die Nervosität – Stadt halt. 

Ich bin unentschieden, wie ich das finde. Allerdings fühle ich mich für den Moment definitiv fremd in meinen Fahrradkleidern, unrasiert und innerlich erdverbunden und mit frischer Luft geschwängert, äußerlich geräuchert und gebräunt, als wir uns heute unseren Weg durch die Innenstadt boxen, zwischen Hipstern und Businesspeople, um ein Lunch mit Matilda zu nehmen. Wir haben wenig Zeit, der Bus fährt bald. 

Im Bus verbindet sichdurchaus gekonnt die bemerkenswerte Anstrengung der Natur Schwedens, uns den Abschied mit tollem Ausblick und perfektem Wetter schwer zu machen, mit dem gesammelten Mundgeruch und den unendlichen Telefonaten der hinter uns sitzenden Gäste. Wäre ich nur irgendwo im Wald! 1:0 für den Misanthropen in mir; aber was sind schon 9 Stunden?! 

19.8. Siknäs – Töre: Fahrrad 

19.8. Töre – Umeå: Länstrafiken

20.8. Umeå – Sundsvall: Norrtåg 

20.8. Sundsvall – Gävle: X-tåg

21.8. Gävle – Uppsala – Stockholm: Upptåget

22.8. Stockholm – Malmö: flixbus

22.8. Malmö – Trelleborg: Fahrrad 

23.8. Trelleborg – Rostock: Stena Lines

23.8. Rostock – Berlin: DB Regio

Bierchen? 

Sverigeleden 22 – Mittel zum Zweck 

I ain’t no Jan Ullrich. Mir wird klar, dass das Radfahren für mich zum größten Teil Mittel zum Zweck ist. Das Fahren macht manchmal Spaß, ich entwickle auch einen gewissen Ehrgeiz. Das Schrauben und Vorbereiten, die Ausrüstung und die Zeit an der Luft. Aber ich fahre selten um des Fahrens willen. Meine Motivation liegt in den Orten, die ich erreichen will, und Menschen, mit denen ich unterwegs bin (Hallo Sepp!). Nun, da ich gesehen habe, was ich sehen wollte, habe ich kaum mehr Lust, gegen Wind (40km/h SSW), Regen, Berge, Schotter, Autos und Zuckertäler zu kämpfen. Ich bin satt und zufrieden, es ist der Heimweg von einer Party, wenn es reicht. Der Weg soll kurz sein, ist selbst nicht Ziel, auch wenn man ein Wegbier nimmt. Ab jetzt heißt es „Schulle statt Ulle!“ (Anmerkung des Autors: „Schulle“ = Akronym für „Schultheiß“, traditionelles Berliner Bier) 

Sverigeleden 21 – Weg nach Süden 

Der Abschied von Siknäs ist hart: Zum einen von der Herzlichkeit der Bewohner, zum anderen von den einfachen Annehmlichkeiten des sesshaften Lebens wie Kaffeemaschine, Bett und Dusche. In Töre besteigen wir den Bus, der uns in 6 Stunden durch ein großes Regengebiet nach Umeå bringt. Es ist dunkel. Wir fahren 3 Kilometer Richtung Süden. Das Zelt schlagen wir neben dem Friedhof in einem Lingonbeerfeld auf. Es ist die erste Etappe der 2.000 km Heimweg. Die Eindrücke der letzten Tage hängen mir noch nach; es ist vieles, was sich nicht einfach schreiben lässt und/oder will. Draußen rauschen vereinzelt Autos vorbei, Böen wackeln am Zelt und die hoffentlich letzten dicken Tropfen fallen aus den dünnen Kiefern auf das Zeltdach. Der Wind soll die nächsten Tage drehen. Ich bin gespannt. Auf Wiedersehen Norrland!

Sverigeleden 20 – Beeren, Bären, Fische – Das Paradies von Siknäs 

Zack! Und plötzlich bist du wieder mittendrin im Zuviel des Beschreiben-Könnens, weil einfach auch die Zeit nicht reicht.

Am Samstag schon sind wir am späten Abend nach einer 135km-Tour bei Annelie und ihrem Mann Jakob in Siknäs angekommen. Ich hätte nie gedacht, dass wir mit unseren Packeseln so eine Tagestour würden schaffen können, aber das Training der letzten Tage hatte sich ausgezahlt und nun konnten wir in eine kleine, zum Hof gehörige Stuga ziehen. 

Wir wollten ein wenig mehr Zeit an einem Ort verbringen. Das „Immer weiter“, die Rastlosigkeit waren uns ein wenig über. 

Annelie hat den Hof von ihren Eltern übernommen, um ihn mit 15 Pferden, etlichen Schafen und ein bisschen Kleinvieh zu bewirtschaften. Es ist nun eher das „alte“ Schweden, das von Landwirtschaft, Jagd und Fischerei geprägt ist. Die Gastfreundschaft ist überwältigend, denn die Beiden und ihre Familie nehmen sich sehr viel Zeit für uns. 

Ich lerne neue Pflanzen und Tiere hier kennen, die es nur im Norden gibt. Zum Beispiel die Åkerbär und Moltebeere (hjortron) sind schwer zu sammeln unter anderem natürlich wegen der Stechmücken. Tatsächlich gewöhnt man sich an die Stiche, gestern waren wir in einem sumpfigen Sammelgebiet und die ca 30 Stiche sind heute weg. Aber lästig ist es schon. Das Kilo Åkerbeere kostet deshalb ca 80 Euro, die wesentlich häufigere Krons- oder Preiselbeeren 7 Euro.

Jakob ist Jäger und schwedischer Meister im Schießen auf lange Distanz. Er zeigt uns auch ein Bärenfell, eines von ihm erlegten Tieres. Das wird dann auch der einzige Bär bleiben, den wir zu Gesicht bekommen. Ihr Bestand wird reguliert, weil sie teilweise großen Schaden anrichten, insbesondere wenn sie viele Rentiere fressen. Von ihm kommt auch das geräucherte Elchherz, das eines Abends auf den Tisch kommt. 

Der Vater ist unter anderem Fischer und stellt den Surströmming her, fermentierten Hering. Er fängt aber auch Lachs und anderen Fisch, den er räuchert und verkauft. Aus dem Rogen der Lörja macht er einen sehr begehrten Kaviar. Heute morgen konnten wir mit ihm rausfahren. Er sollte für die Universität Uppsala ein wenig Hering fangen. Es war für mich das erste Mal, dass ich das Netzfischen erlebt habe. 

Wir musizieren, kochen, helfen ein wenig bei der Arbeit und mittlerweile tun auch die Beine nicht mehr weh. Klingt gut und ist gut. Der Rückweg beginnt am 19.8. mit dem Bus. Er scheint in weiter Ferne zu liegen. 

Sverigeleden 19 – Luxus

Die letzten Tage ging mir häufig das Lied „Luxus“ von Ideal durch den Kopf. Eigentlich war es nur der Refrain. Weil, wir hatten ja die drei Tage Urlaub in Gällivare zum Bergfest und da in der Stuga in einem Bett schlafen und auf einem Herd kochen, ein eigenes WC MIT Dusche haben. Das war schon fett. Und auch später als wir wieder mit Sack und Pack unterwegs sind, da geht mir das weiter durch den Kopf. Da zünden wir auch das eigentlich erste richtige Lagerfeuer im Nationalpark an und das ist eben auch so ein Luxus. Müsste ja nicht unbedingt, weil kochen tun wir mit Spiritus. Dann fallen mir diese kleinen Dinge ein, die es auf dem Weg immer mal gibt. Und das Stück Kuchen oder die Wurst oder die Kekse, Milch, Saft, BIER – geht ohne, aber dann ist es halt richtig geil, wenn man die Dose aufreißt und es riecht und der Durst und das perlende Gefühl mit der Feuchtigkeit, der herbe Geschmack, ob kühl oder nicht, egal. Nun hatten wir wenig Wasser heute und irgendwie gab es in Nattavaara keinen Kaffee und danach sowieso nichts (außer endlich Rentiere auf der Straße!). So wie es aussieht gibt es auch erst in 65 km ein Geschäft und was glaubst du jetzt, wie geil der Kaffee wird! Da machst du dir keinen Begriff. Geilster Kaffee ever! 

Sverigeleden 18 – 140 km Sackgasse 

Ja, tatsächlich führt Schwedens längste Sackgasse über 140 km in den abgelegensten Teil unserer Reise. Man könnte meinen, und früher meinte man das vermutlich auch, hier sei das Ende der Welt. Und hätte nicht Vattenfall Anfang des 20. Jahrhunderts nicht ganz selbstlos eine Straße dorthin gebaut und würden nicht große Mengen Rucksacktouristen hier aus- und einsteigen, könnte man es immer noch meinen. Wir sind auch mit dem Bus nach Stora Sjöfallet gefahren, nicht ganz bis zur Endstation, um 2,5 h von Gällivare entfernt einen kleinen Eindruck vom Nationalpark zu bekommen.

 Die Landschaft ist für sich beeindruckend (auch hier die Mückendichte), besonders fasziniert mich allerdings nach und nach die Tradition der Samen, die Jahrzehnte lang von den Schweden diskriminiert und unterdrückt wurden. Das Leben in dieser unwirtlichen, herb bezaubernden Gegend ist mir an und für sich ein Rätsel. Ich bin froh, ein wenig mehr darüber zu erfahren und habe den Eindruck, dass diese symbiotische Beziehung zwischen Rentier und Samen hier die Romantizismen der Globetrotter-pilgernden, heile Welt suchenden Outdoor-Menschen des urbanen Bildungsmilieus entzaubern werden müssen. Das Archaische ist unbequem, blutig, isst Innereien und stinkt. Ich möchte wieder hierher kommen und es tiefer erfahren und ich möchte es nicht, um mich nicht in die Schlange der Anderen einzureihen, die mir so fremd sind in ihrer Ähnlichkeit mit sich und mir. Das ist Schwedens längste Sackgasse. 

Wir fahren mit dem Bus zurück nach Gällivare, von dort mit dem Fahrrad nach Luleå. Es ist der Anfang des Rückwegs, der heute beginnt. Es ist schön, weil es nicht nur einfach ist. Uns wurde ein halber Sonnentag am Stora Sjöfallet geschenkt, wo wir am fast versiegten Wasserfall unsere Fika machen konnten. Der Weg war steinig, aber der Ort umso schöner. Und so ist es.